Ein neues Bürohaus kann mehr sein als zusätzliche Fläche, besonders an einem Ort wie Berlin-Mitte. Der Axel-Springer-Neubau verbindet eine markante Architektur von Rem Koolhaas mit der Geschichte des früheren Zeitungsviertels und einer Arbeitswelt für mehr als 3.000 Menschen. Hier ordne ich Standort, Bauidee, Innenraum, historische Bezüge und die wichtigsten Daten verständlich ein.
Die wichtigsten Fakten zum Berliner Medienbau auf einen Blick
- Standort ist das frühere Zeitungsviertel zwischen Axel-Springer-, Schützen-, Zimmer- und Jerusalemer Straße.
- Architekt ist Rem Koolhaas mit seinem Büro Office for Metropolitan Architecture, kurz OMA.
- Der Bau umfasst rund 52.000 Quadratmeter Mietfläche und insgesamt 13 Geschosse.
- Das Herzstück bildet ein 45 Meter hohes Atrium mit verbundenen Terrassen.
- Die offizielle Eröffnung fand am 6. Oktober 2020 statt.
Warum der Neubau mehr als ein zusätzliches Bürohaus ist
Der Axel-Springer-Neubau steht direkt gegenüber und neben älteren Gebäuden des Medienunternehmens im Berliner Ortsteil Kreuzberg. Er ergänzt das goldfarbene Verlagshochhaus durch einen kubusförmigen, transparent wirkenden Bau, der deutlich weniger wie ein klassischer Verwaltungssitz aussieht.
Die Wahl des Standorts ist bewusst symbolisch. Das Grundstück liegt im früheren Zeitungsviertel und auf dem ehemaligen Verlauf der Berliner Mauer. Der Neubau verbindet dadurch Mediengeschichte, deutsche Teilung und digitale Zukunft an einem einzigen Ort.
Ich finde besonders interessant, dass hier nicht versucht wurde, die bestehende Architektur einfach zu kopieren. Der ältere Turm steht für die klassische Welt des Verlags, während der neue Bau mit offenen Ebenen, Sichtbeziehungen und Kommunikationsflächen eine andere Unternehmenskultur zeigen soll.
Die Architektur von Rem Koolhaas lebt vom offenen Innenraum

Der Entwurf stammt von Rem Koolhaas und OMA. In einem internationalen Planungswettbewerb setzte sich das Büro gegen zahlreiche andere Entwürfe durch. Außen wirkt das Gebäude zunächst streng und geometrisch, im Inneren entwickelt es jedoch eine überraschend dynamische Raumlandschaft.
Ein Atrium als räumliches Zentrum
Das rund 45 Meter hohe Atrium reicht weit in den Baukörper hinein. Terrassen und Arbeitsbereiche sind miteinander verbunden und teilweise so angeordnet, dass Blickbeziehungen über mehrere Etagen entstehen. Dadurch wird Bewegung im Gebäude sichtbar, statt sie hinter langen Fluren zu verstecken.
Technisch war diese Offenheit anspruchsvoll. Um möglichst wenige Stützen im Atrium zu benötigen, wurden größere Spannweiten realisiert. Nach Angaben der beteiligten Ingenieure stieg die typische Spannweite dabei von etwa 8 auf 16 Meter. Teile der oberen Geschosse werden über eine Dachtragstruktur unterstützt, wodurch der Innenhof großzügiger wirken kann.
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Glasfassade mit bewusstem Kontrast
Getönte Glasflächen und Bauelemente mit 3D-Optik prägen die Fassade. Sie lassen den Bau je nach Licht und Blickwinkel unterschiedlich erscheinen. Gleichzeitig stellt die Gestaltung einen Kontrast zum goldenen Hochhaus her, ohne den älteren Bau aus dem Ensemble zu drängen.
Für mich liegt die Qualität des Entwurfs weniger in der spektakulären Außenform als in der Verbindung von Transparenz und Orientierung. Man erkennt, dass hier nicht nur eine Skulptur entstehen sollte, sondern ein Gebäude, das interne Begegnungen tatsächlich wahrscheinlicher macht.
Wie der Bau die digitale Arbeitswelt räumlich übersetzt
Das Gebäude bietet Arbeitsmöglichkeiten für mehr als 3.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Geplant wurde es für eine flexiblere Arbeitsweise mit offenen Bereichen, mobilen Arbeitsplätzen und Räumen für Austausch. Eine große Verbindung im sechsten Geschoss, die sogenannte WELT-Brücke, verknüpft verschiedene Nutzungen und Arbeitsbereiche.
Die Architektur folgt damit einer klaren Idee. Redaktionen, Technologieeinheiten und andere Abteilungen sollen nicht vollständig voneinander getrennt arbeiten, sondern sich leichter begegnen. Das Atrium wirkt dabei wie eine vertikale Kommunikationsfläche, nicht nur wie ein repräsentativer Innenhof.
Offene Büros lösen allerdings nicht automatisch jedes Problem. Konzentration, Akustik und Privatsphäre bleiben Herausforderungen, besonders bei Tätigkeiten am Computer. Koolhaas’ Ansatz versucht deshalb, ruhige Arbeitsatmosphäre und lebhafte Zusammenarbeit gleichzeitig zu ermöglichen. Ob das im Alltag funktioniert, hängt stark von Raumaufteilung, Regeln und Unternehmenskultur ab.
Genau hier liegt meiner Einschätzung nach die eigentliche Prüfung des Projekts. Ein eindrucksvolles Atrium kann Begegnungen fördern, aber es ersetzt keine gut geplanten Rückzugsräume. Gute Büroarchitektur muss beides leisten, sonst bleibt sie eine schöne Kulisse.
Die Geschichte des Grundstücks bleibt im Gebäude sichtbar
Der frühere Mauerverlauf zieht sich nicht nur gedanklich durch das Grundstück. Koolhaas nahm ihn in die Gestaltung auf, unter anderem durch Bodenbeläge, Dachfenster und unterschiedlich gefärbte Säulen. Geschichte wird dadurch nicht ausschließlich über Tafeln erklärt, sondern in die tägliche Bewegung durch das Haus eingebaut.
Auch die Vergangenheit der Umgebung vor dem Mauerbau spielt eine Rolle. Das Grundstück an der Schützenstraße war mit der Geschichte einer jüdischen Familie verbunden. Im Umfeld erinnern außerdem zahlreiche Stolpersteine an Menschen, die während der NS-Zeit verfolgt und ermordet wurden.
Diese Verbindung ist architektonisch anspruchsvoll, weil ein moderner Mediencampus schnell wie ein abgeschotteter Unternehmensraum wirken kann. Die historischen Spuren verhindern zumindest teilweise, dass der Neubau nur als Symbol für Innovation gelesen wird. Er steht ebenso für einen belasteten und vielfach gebrochenen Stadtraum.
Die wichtigsten Bauzahlen und Meilensteine
| Merkmal | Angabe | Was daran wichtig ist |
|---|---|---|
| Grundstück | rund 10.000 m² | Der Bau musste sich in ein dicht bebautes, historisch sensibles Umfeld einfügen. |
| Gesamtmietfläche | rund 52.000 bis 52.200 m² | Die Fläche zeigt, dass es sich um einen großen Unternehmenscampus und nicht um ein einzelnes Bürohaus handelt. |
| Geschosse | 13 insgesamt | Davon liegen 11 Geschosse oberirdisch und 2 unterirdisch. |
| Arbeitsmöglichkeiten | mehr als 3.000 | Die Raumplanung ist auf Zusammenarbeit mehrerer Medien- und Technologieteams ausgerichtet. |
| Atrium | 45 Meter hoch | Der Innenraum prägt Orientierung, Tageslicht und die visuelle Verbindung zwischen den Etagen. |
| Baustart | 6. Oktober 2016 | Der Bau wurde vier Jahre später offiziell eröffnet. |
Auch die Baustellenlogistik war ungewöhnlich umfangreich. Rund 75.000 Kubikmeter Erde wurden aus der Baugrube abtransportiert. Für die Stabilisierung kamen Schlitzwände zum Einsatz, die mit Greifern von bis zu 125 Tonnen Gewicht eingebracht wurden.
Die Grundsteinlegung erfolgte 2017, das Richtfest 2018. Die offiziellen Termine machen deutlich, dass zwischen Baustart und Eröffnung genau vier Jahre lagen. Heute ist der Bau ein fester Bestandteil des Axel-Springer-Areals in Berlin.
Was Architekturinteressierte vor Ort erwarten können
Der Neubau ist in erster Linie ein aktiver Unternehmensstandort und kein frei zugängliches Architekturmuseum. Wer das Atrium oder die Terrassen besichtigen möchte, sollte deshalb nicht von einem jederzeit möglichen Rundgang ausgehen. Zugangsmöglichkeiten können von Veranstaltungen, Führungen oder Einladungen abhängen.
Von außen lässt sich das Projekt dennoch gut einordnen. Besonders aufschlussreich ist der Vergleich zwischen dem neuen Kubus und dem älteren Hochhaus. Der eine Bau arbeitet mit offenen diagonalen Verbindungen und Glas, der andere mit einer klaren vertikalen Silhouette und einer markanten goldfarbenen Fassade.
Mein praktischer Tipp für eine architektonische Betrachtung ist, nicht nur die Fassade zu fotografieren. Spannender ist die Beziehung des Neubaus zu den Straßen, dem früheren Mauerverlauf und den angrenzenden Gebäuden. Erst in diesem Zusammenspiel wird verständlich, warum der Bau für Berlin mehr bedeutet als ein spektakuläres Bürogebäude.
Der Axel-Springer-Neubau zeigt, wann Unternehmensarchitektur relevant wird
Der Berliner Medienbau überzeugt vor allem dort, wo Form, Geschichte und Arbeitsorganisation zusammenfinden. Das Atrium ist nicht bloß ein Blickfang, die Glasfassade nicht nur dekorativ und der Standort nicht zufällig gewählt.
Gleichzeitig sollte man die Versprechen moderner Büroarchitektur realistisch betrachten. Offenheit kann Zusammenarbeit erleichtern, muss aber durch gute Akustik, Rückzugsorte und klare Nutzungskonzepte ergänzt werden. Gerade diese Mischung aus architektonischem Anspruch und praktischen Grenzen macht das Gebäude als Beispiel für die Arbeitswelt von 2026 interessant.